12.04.2018 Save the date!
6. Februar 2018
Nachlese zum Forum Zukunft Tourismus
30. April 2018

d:d beim Forum Zukunft Tourismus

Nachhaltigkeit in der Kritik: Was bleibt vom Internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus?

Dieser Frage ging das diesjährige Forum Zukunft Tourismus des  CLUB TOURISMUS  am 12. April nach, und ich, Kerstin, durfte nicht nur in meiner Rolle als Vorstandsmitglied bei der Organisation mitwirken, sondern auch als Gründerin von destination:development mit meinem persönlichen Beitrag eine Lanze für die soziale Nachhaltigkeit und Social Entrepreneurship im Tourismus brechen:

 

Enttäuschung IY2017

So unter uns Touristiker_innen kann ich es ja zugeben: Ich habe mich gefreut auf das Internationale Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung. Es hat mich daran erinnert warum ich mir den Tourismus als Berufsfeld ausgesucht habe. Der Imagefilm des IY2017 löste große Emotionen aus, und rührte die empfindsamen unter uns beinahe zu Tränen. Und trotzdem bin ich persönlich bin vom IY2017 enttäuscht. Manche meiner Kolleg_innen sind bereits mit etwas weniger Euphorie in das IY2017 gestartet. Für mich war es jedoch geradezu ein magisches Zeichen, dass die Branche nun erkennt welche Rolle sie für die Erreichung der SDGs spielen kann, und damit auch das perfekte Jahr für die Gründung meines Unternehmens. Leider stellte sich heraus, dass hinter dem tollen Logo und den zahlreichen Veranstaltungen unter dem Schirm des IY2017 inhaltlich nicht steckte was ich mir erwartet oder ersehnt hatte. Und so verflüchtigten sich meine Hoffnungen nach und nach wie die Blüten der auf dem Logo abgebildeten Pusteblume. Die meisten Veranstaltungen habe ich mit einer tiefen Unzufriedenheit verlassen und mit der immer größer werdenden Frage, warum das IY2017 so anders läuft als erhofft?

Tourismus und gesellschaftlicher Wandel

Reisen und damit die Tourismusbranche, hat großes Potenzial zu einem positiven gesellschaftlichen Wandel beizutragen. Darauf deutet auch die Beschäftigung der UNWTO mit den SDGs hin. Auch zivilgesellschaftliche Organisationen sehen dieses Potenzial, ebenso wie die mit dem Tourismus wie er derzeit praktiziert wird verbundenen Risiken, und fordern eine Tourismuswende (Transforming Tourism 2017). Die Bedeutung des Tourismus als wachstumsstärkster Wirtschaftssektor ist unumstritten und kann ein Werkzeug für die Erreichung der SDGs sein. Als solches wurde er auch als von der UNWTO identifiziert und definiert. Trotzdem schaffen wir es scheinbar nicht einmal im IY2017, unseren Platz im Chor der Nachhaltigkeitskämpfer_innen einzunehmen oder gar unser Potenzial zum gesellschaftlichen Wandel umzusetzen. Zu tief scheint die Branche im Wachstumsparadigma verankert zu sein. Ein Werkzeug kann eben immer nur so gut sein wie die Menschen, die es nutzen. Es liegt also in unser aller Händen schädliche Systeme zu dekonstruieren, neue Denkmuster zu entwickeln und mit Hilfe unseres Werkzeuges, des Tourismus, die positive Veränderung der Branche und somit der Gesellschaft herbeizuführen.

Dafür braucht es mutige Social Entrepreneurs und eine Theory of Change als fundierte Basis für die Unternehmen und die Tourismuswende für den gesellschaftlichen Wandel.

 

Was bedeutet Social Entrepreneurship im Tourismus

Sozialunternehmer_innen werden oft als unvernünftige Menschen beschrieben, weil sie das gesamte System verändern wollen, wahnsinnig ambitioniert und von Emotionen getrieben sind, meinen die Zukunft zu kennen, im Unprofitablen den Profit suchen und versuchen das Unmessbare zu messen (Elkington & Hartigan 2008 in P.J. Sheldin et al. 2017:5). Jeden einzelnen dieser Vorwürfe hat man mir schon gemacht, und alle davon zurecht. Bei der Argumentation zu meinen Gunsten konnte ich allerdings kaum auf die Fachliteratur verweisen, denn bisher gibt es noch keinen theoretischen Rahmen oder Ansatz der Sozialunternehmen im Tourismus von traditionellen Unternehmen der Tourismusindustrie unterscheidet. Innerhalb des Tourismussektors gibt es auch nur wenige Stimmen, die sich dafür aussprechen die „Systemfrage“ zur Diskussion und somit in die Debatte des Systemwandels und neuer Wirtschaftsformen und Handelsmodelle zu integrieren. Sheldon (et al. 2017) beschäftigt sich erstmals umfassend mit dem Thema und definiert folgende Begriffe:

Tourism Social Entrepreneuship (TSE)ist ein Prozess der Tourismus dazu nützt innovative Lösungen für aktuelle gesellschaftliche, ökologische und wirtschaftliche Probleme in Destinationen zu finden, bei dem Ideen, Fähigkeiten, Ressourcen und gesellschaftliche Vereinbarungen von innerhalb sowie außerhalb der Destination mobilisiert werden, die für deren nachhaltige gesellschaftliche Veränderung benötigt werden. Sozialunternehmer_innenim Tourismus sind change agents in den Systemen der Destinationen, also Menschen die ihre Visionen, Fähigkeiten und Ideen für die Lösung gesellschaftlicher Probleme einbringen und Veränderungen in der Destination auslösen. Sozialunternehmenim Tourismus sind von Sozialunternehmer_innen geründete private oder semi-private Organisationen bzw. Stiftungen, die sich der Lösung des aktuellen gesellschaftlichen Problems in der Destination widmen (P.J. Sheldon et al. 2017:7).

Sheldon et al. (2017) zufolge bietet Tourismus für Sozialunternehmer_innen viele Möglichkeiten die Branche voranzutreiben und Destinationen nachhaltig positiv zu verändern indem sie die beiden Motivationen Gewinn zu erwirtschaften und die Welt zu verbessern vereinen. Es gibt allerdings nur wenige systemische Ansätze zur Bewusstseinsbildung seitens der Destinationen, Regierungen, NGOs und Bildungseinrichtungen.

 

Wirkunsgorientierte Unternehmen im Tourismus

Als Gründerin eines Social Startups kann ich bestätigen, dass eine Vielzahl von Parallelen zwischen den Zielsetzungen von Social Entrepreneurship, Entrepreneurship, nachhaltiger Entwicklung und den aktuellen Meinungen über den Nutzen von nachhaltiger Tourismusentwicklung für lokale Gemeinden bestehen (C. Buzidne et al. 2017:24).

Auf der diesjährigen ITB argumentiert Postwachstumsökonom Niko Paech: „Wenn alles mit allem verbunden wird, wenn über den Tourismus jede Nische infiltriert wird, wird auch alles mit allem konfrontiert, konkurriert alles mit allem und vergleicht sich alles mit allem.“ Paech unterstreicht damit die zerstörerische Kraft des Tourismus wie er derzeit praktiziert wird und stellt Reisende als Vertreter_innen einer materiell hochgerüsteten Kultur dar, die mit Menschen in Kontakt kommen die durch eben diese Kultur entwürdigt werden, und bei ihnen wiederum Zweifel an der eigenen Kultur auslösen, was unweigerlich zu Konflikten führt. Diese Konflikte kommen Paech zufolge in drei Formen zum Ausdruck:

  • Kulturüberwindung: Menschen glauben ihre eigene Kultur, die bis dahin relativ stabil war, überwinden zu müssen, und versuchen mit der Brechstange den Konsumstatus der Industriestaaten zu erreichen.
  • Migration: Aus dem Impuls heraus „Möglichst schnell weg hier.“
  • Kulturkollision: Feindbild Tourist. Overtourism und Overcrowding lauten hier die aktuellen Schlagworte der letzten beiden Jahre.

Es gibt allerdings Wege diese Phänomene nicht nur zu verhindern, sondern den Menschen in ihrer Tätigkeit auch mehr Wertschätzung, Chancen und verbesserte Lebensbedingungen zu ermöglichen. Mit maßgeschneiderten Destinationsdesigns werden einheimische Bevölkerungen zu den Hauptentscheidungsträgern und bekommen dadurch die Möglichkeit zur aktiven Gestaltung ihres Lebensraumes und ihrer Tourismusprodukte. Tourismus kann meiner Ansicht nach immer nur eine zusätzliche Tätigkeit sein, die sich um die traditionelle Haupttätigkeit der Menschen in der Region dreht, sei es nun Kakao, Kaffee oder Tee Anbau, Fischfang oder Kunsthandwerk. Damit bleiben Lebensformen erhalten ohne vom Fortschritt ausgeschlossen zu sein, werden ein integraler Teil der lokalen Wertschöpfung und bieten die Grundlage für selbstbestimmte Begegnungen auf Augenhöhe mit den Gästen.

Die indirekte Wirkung, und damit das eigentliche Ziel eines Sozialunternehmens ist aber noch viel größer, denn durch das empowerment der Menschen in der Region und die wirtschaftliche Bewegung werden ihre sozialen Systeme gestärkt. Damit nehmen die Menschen plötzlich neue Rollen im tourstischen Kontext ihrer Destinationen ein, stellen neue Beziehungen mit Stakeholdern her und gehen neue Kooperationen ein, die ihre Position weiter stärken. Das führt letztendlich dazu, dass eingefahrene Muster in den Destinationen und damit im Tourismus aufgelöst werden, wie z.B. der Abhängigkeit von großen profitorientierten Playern die Ressourcen nahezu exklusiv verbrauchen und aus der Region abziehen, und lässt neue Muster entstehen, wie z.B. lokale Interessensvertretungen im Tourismus und mehr direkte Wertschöpfung deren Profite auch in der Region bleiben. Dazu kommt noch eine neue starke Stimme der Menschen, wenn es darum geht, ihre Rechte auf Ressourcen. zu verteidigen und wirkt damit den gesellschaftlichen Problemen, die Niko Paech ausgeführt hat, entgegen.

 

Herausforderungen für Social Entrepreneurs im Tourismus

Bislang wurde nur wenig über Social Entrepreneurship im Tourismus geschrieben, und die wenigen Studien haben es nicht in die mainstream Tourismus Journals geschafft, was eine Einschränkung für deren Wirkung sowie den Zugang bedeutet. Zudem sind die meisten Arbeiten zum Thema Fallstudien, was geographische und geopolitische Vergleiche praktisch unmöglich macht (C. Buzidne et al. 2017:24).

Bis dato gibt es auch noch keine empirische Studie zum Ausmaß von Social Entrepreneurship im Tourismus. Aus vorhandenen Fallstudien lässt sich allerdings schließen, dass Sozialunternehmer_innen oft isoliert arbeiten, sich nicht bewusst als solche wahrnehmen und daher auch leider keinen Zugang zu unterstützenden Netzwerken und Mechanismen wie Hubs und andere Organisationen haben, die allgemein für alle Sektoren existieren (P.J. Sheldon et al. 2017:12).

Das bedeutet, dass Social Entrepreneurs derzeit für die Therory of Change ihrer Unternehmen auf keine Auswahl an bereits existierenden Konzepten zurückgreifen können, sondern diese isoliert und mühsam erarbeiten müssen.Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass dies ohne Unterstützung so gut wie unmöglich ist.

Eine weitere große Herausforderungen für die Arbeit von Social Entrepreneurs ist die praktisch exklusive Orientierung des Sektors am industriellen Profitmaximierungsmodell, welches hauptsächlich auf dem Transportsektor basiert. Es gibt kaum noch einen Ort auf der Welt, in dem Tourismus keine Chance für die Menschen darstellt (P.J. Sheldon et al. 2017:9f). Jeder neunte Arbeitsplatz weltweit ist mittlerweile mit dem Tourismus verbunden (UNWTO 2017). Die Chancen sind jedoch mit einem Produktions- und Konsummuster verbunden, dessen Ressourcenverbrauch und Müllproduktion Anlass bietet darüber nachzudenken, wie wir zukünftig Destinationen kreieren und erhalten wollen, die allen Stakeholdern Nutzen bringen und gleichzeitig der enormen Nachfrage nachkommen können. (P.J. Sheldon et al. 2017:11f)

Das deckt sich auch mit meinen Erfahrungen seit der Gründung meiner Organisation. Obwohl alle Trends in die andere Richtung zeigen herrscht bei der touristischen Destinationsentwicklung immer noch das Prinzip „Hardware vor Software“. Konkret bedeutet das, dass an Orten mit Tourismuspotenzial zuerst Infrastruktur errichtet wird, die anschließend mit zweierlei Arten von Menschen befüllt wird – mit jenen, die besagte Infrastruktur managen sollen, und jenen, die sie konsumieren sollen. Über die weichen Faktoren macht man sich erst Gedanken, wenn es zu spät ist, und es kommt zu eben jenen oben erwähnten zerstörerischen Nebenwirkungen des Tourismus.

Tourismus muss sich daran erinnern, dass er die Welt erlebbar machen will. Das schließt sowohl Orte als auch Menschen, Kulturen, Lebensweisen, Produkte, Traditionen, Lebensmittel und andere Güter mit ein. Alles was Identität schafft, ist Gegenstand der Erlebnisse die wir als Touristiker_innen nicht nur verkaufen, sondern auch mitgestalten.

Wo andere die Notwendigkeit für Maßnahmen zur Schadensbegrenzung für das Unternehmen sehen, die Unsummen an Ressourcen verschlingen und zudem nichts zur Verbesserung der problematischen Situation der lokalen Bewohner der Destination beitragen, sieht ein wirkungsorientiertes Unternehmen hier die Möglichkeit des Systemwandels.

 

Systemwandel durch Social Entrepreneurs

Die Notwendigkeit sowie die Möglichkeiten für Social Entrepreneurship im globalen Tourismussektor sind systemisch, strategisch und taktisch. Wir kennen bereits die Ursachen des Problems und verstehen die Rollen der Stakeholder. Wir haben bereits begonnen Barrieren der Industrie zu identifizieren und Innovationsstrategien zu entwickeln. Das bezeugen die vielen guten Beispiele aus der Reiseindustrie auf die wir uns alle so gerne beziehen, wenn wir nach der Nachhaltigkeit in unserer Branche gefragt werden. Für einen Systemwandel müssen wir jedoch unsere alten Rollen ablegen, neue Rollen finden und neue Beziehungen eingehen. Wir müssen gemeinsam neue Regeln definieren und im Sinne unserer Vision anwenden. Pollock (2015) fordert die weltweite Anerkennung des Tourismus als menschliches System welches in ein größeres sozio-ökonomisch-biosphärisches System eingebettet ist, und nicht als abgegrenzte Industrielle Maschinerie, die vom Großen Ganzen völlig abgekoppelt ist.

Dazu brauchen wir vor allem Mut und die Unterstützung einer starken Organisation die uns Rückhalt gibt und unsere Aktivitäten im Sinne unserer gemeinsamen Vision vom nachhaltigen Tourismus für Entwicklung zu koordiniert – eine Rolle die der UNWTO zukommt. Daher rührt auch meine Enttäuschung in das IY2017 in dem es allen Initiativen zum Trotz nicht gelungen ist die einzelnen Initiativen der Branche zu stärken, miteinander zu verbinden und eine größere Wirkung im Sinne der Tourismuswende zu erzielen.

Vielleicht braucht es eine Rollenfindungsphase der UNWTO als Rückgrat des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung. Bestimmt aber braucht es mehr mutige Social Entrepreneurs, denn wirkungsorientierte Unternehmen sind wertvolle Partner im Sinne der SDGs für NGOs, Regierungen und die Privatwirtschaft. Sie sind ein verbindendes Element, das sich konkret und gestaltend einbringen kann.

 

4 Wünsche für die Tourimuswende

Was würde ich mir also wünschen, damit wir gemeinsam als Branche die Tourismuswende vorantreiben können?

  • Ich wünsche mir, dass Social Entrepreneurs nicht mehr nur als Leuchttürme für die Nachhaltigkeit im Tourismus wahrgenommen werden, sondern als Vorreiter_innen des Wandels.
  • Ich wünsche mir Unterstützung für Social Entrepreneurs von Seiten der Regierungen, Bildungsinstitute, NGOs und der Privatwirtschaft.
  • Ich wünsche mir Offenheit erfolgreicher traditioneller Unternehmen neue Ideen und Konzepte für Tourismus zum Anlass zu nehmen für regen Austausch, neue Beziehungen und Kooperationen mit Social Entrepreneurs.
  • Und ich wünsche mir die Unterstützung einer starken UNWTO als Dachorganisation, die nicht nur den adäquaten Rahmen dafür bietet, sondern auch Rückenwind gibt.

Damit das nächste Internationale Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung eine wahre Welle des Wandels wird.